Ausgabe 17 / Mai 2026
← Magazin 09. Mai 2026
Praxis · 7 min

Was ein gutes Schul-Frühstück wirklich kostet

Eine Grundschule in Niedersachsen führt seit drei Jahren ein offenes Frühstück für ihre erste und zweite Klasse. Wir haben uns die Rechnung zeigen lassen, mit der Hauswirtschaftslehrerin Mittwochfrüh um halb sieben Lebensmittel besorgt — und gerechnet, was ein wirklich gutes Schul-Frühstück pro Kind und Tag kostet. Das Ergebnis ist überraschend niedrig. Und überraschend instabil.

Die Grundschule, deren Schul-Frühstück ich besucht habe, möchte nicht genannt werden. Sie liegt in einer mittelgroßen niedersächsischen Stadt, hat dreihundertzwölf Schüler:innen, und führt seit dem Schuljahr 2023/24 ein offenes Frühstücksangebot für ihre Klassen eins bis vier. Geöffnet ist das Frühstück an drei Tagen pro Woche, jeweils von sieben Uhr fünfundvierzig bis acht Uhr fünfzehn, und betreut wird es von einer Hauswirtschaftslehrerin und zwei ehrenamtlichen Eltern.

Was ich wissen wollte, war eine schlichte Zahl: Was kostet ein Frühstück pro Kind? Die Frage ist deshalb nicht trivial, weil sie in der Bildungs-Förderpolitik regelmäßig auftaucht — und weil die meisten Zahlen, die ich in Förderanträgen gelesen hatte, deutlich zu hoch wirkten (drei bis fünf Euro pro Kind und Mahlzeit) oder deutlich zu niedrig (zwanzig Cent).

Die Antwort, nach drei Wochen Mitlaufen, Rechnungen sammeln und mit der Hauswirtschaftslehrerin Rechnen: 0,87 Euro pro Kind und Frühstück, im Durchschnitt der letzten zwölf Monate.

Wie die Rechnung zustande kommt

Pro Frühstückstag essen im Schnitt zweiundvierzig Kinder mit. Pro Tag werden ausgegeben:

  • zwei Roggenmischbrote (à 1,80 Euro Großmarkt-Preis), aufgeschnitten — 3,60 €
  • dreihundert Gramm Butter — 2,40 €
  • zwei Aufstrich-Schalen (eine Marmelade, eine Frischkäse-Schnittlauch) — 3,00 €
  • ein Karton Vollmilch zwölf Liter — 8,40 €
  • zwei Paletten Müsli, hausgemacht aus Hafer/Honig/Sonnenblumenkernen — 4,50 €
  • dreißig Äpfel oder Birnen — 4,80 €
  • Tee, Hagebutte oder Fenchel — 1,20 €
  • Wasser-Spender (Pauschale Strom) — 0,30 €

Summe Tag: 28,20 € · pro Kind: 0,67 €

Dazu kommen die anteiligen Reinigungs- und Geschirr-Kosten (Geschirr und Bedarf werden geleast, Reinigung läuft mit dem normalen Schulbudget), die ich auf etwa 0,20 € pro Kind und Tag geschätzt habe. Macht zusammen 0,87 €.

Wo es teurer wird

Diese Rechnung ist deshalb so niedrig, weil drei Dinge zusammenkommen, die nicht alle Schulen reproduzieren können:

Erstens der Großmarkt-Zugang. Die Hauswirtschaftslehrerin fährt mittwochs früh um halb sieben mit ihrem privaten Auto zu einem regionalen Großmarkt und kauft dort Brot, Aufstriche und Obst zu Großhandelspreisen. Im Einzelhandel würde dieselbe Liste etwa doppelt so viel kosten — also rund 1,40 € pro Kind. Schulen ohne diese Möglichkeit landen schnell bei zwei Euro plus.

Zweitens das hausgemachte Müsli. Industrie-Müslis liegen bei vierundzwanzig bis achtundzwanzig Euro pro Kilo (Bio-Premium) oder bei acht bis zwölf Euro (Discounter-Niveau, oft zu zuckerhaltig). Selbstgemachtes Hafer-Honig-Sonnenblumen-Müsli kostet bei dieser Schule unter drei Euro pro Kilo — das spart über das Schuljahr eine vierstellige Summe.

Drittens die ehrenamtliche Mitarbeit. Wenn man die zwei Eltern-Helfer:innen mit dem Mindeststundenlohn (zwölf Euro fünfzig in 2026) kalkulieren würde, käme man auf zusätzliche Personalkosten von etwa zwei Euro fünfzig pro Kind. Das ist real die größte Stellschraube — und der Punkt, an dem viele Schulen scheitern.

Wann es instabil wird

Die Hauswirtschaftslehrerin hat im Gespräch einen Satz gesagt, der sich eingebrannt hat: „Wir laufen jeden Monat auf der Kante.” Das Frühstücks-Budget ist nicht im regulären Schulhaushalt verankert, sondern speist sich aus drei Quellen: einem Förderverein-Anteil (etwa hundertfünfzig Euro pro Monat), Eltern-Beiträgen auf freiwilliger Basis (rund neunzig Euro pro Monat im Schnitt), und einer kommunalen Bezuschussung (zweihundert Euro pro Monat aus dem städtischen Sozialhaushalt). Macht zusammen vierhundertvierzig Euro im Monat, bei tatsächlichen Kosten von etwa fünfhundertfünfzig.

Die Lücke wird seit zwei Jahren durch eine private Stiftung gedeckt — eine Lösung, die für die Schule funktioniert, aber kein Modell ist.

Was das bedeutet

Ein gutes Schul-Frühstück kostet weniger als die meisten denken. Aber „weniger” heißt nicht „billig” im Sinne von „selbstverständlich finanzierbar”. Es heißt: mit dem richtigen Setup, mit ehrenamtlicher Mitarbeit, mit Großmarkt-Zugang und mit einer Hauswirtschaftslehrerin, die mittwochs früh um halb sieben aufsteht, kommt man auf 0,87 Euro pro Kind. Ohne diese vier Komponenten landet man schnell beim Vierfachen.

Die ehrlichste Antwort auf „Was kostet ein gutes Schul-Frühstück?” ist deshalb nicht eine Zahl, sondern eine Liste. Und auf dieser Liste steht — fast immer — eine Person, ohne die das Ganze nicht funktionieren würde.


Ressort: Praxis